Die Ampel, der Polizist und meine Augen

Bei rotem Ampelsignal die Strasse zu überqueren war immer mein Lieblingsbild, wenn es darum geht, dass gewisse Regeln und Verbote zwar das Leben gerade in der Gruppe einfacher machen. Es ist aber auch mein Lieblingsbild gegen Kadavergehorsam und unreflektiertes Befolgen von Vorgaben.

Wenn die Strasse frei ist, dann gehe ich über die Strasse. Ob da eine Ampel ist oder nicht.

Das gilt 24 Stunden am Tag. Ein Gedankenexperiment war immer der vermeintliche Dialog den ich mal mit einem Ordnungshüter führen müsste, wenn er mich bei diesem Regelbruch ertappt. Ich hatte meine Standarderklärung, dass ich mein Urteilsvermögen in dieser Situation nicht für das einer Maschine eintausche, schon oft im Geiste erwidert. Bis heute.

Auf frischer Tat

Heute traf ich dann einen wohl professionell schlecht gelaunten Polizisten an einer Ampel, die Rot für Fussgänger zeigte. Wie gewöhnlich ging ich über die Strasse, um dies Mal aber auf der anderen Seiten einen Polizeimeister zu treffen, der dort wegen des roten Lichtsignals wartete.

Ich würde zugerne wissen, wie man diese Art der Dialektik nennt, die dann folgte. Ob ich denn ein Augenleiden hätte, wollte er wissen, was ich verneinte. Und ergänzte, dass ich gut sehen kann, denn ich sah ja dass alles frei war und keine Autos an dieser Stelle waren. Zudem lies ich ihn wissen, dass ich verstanden hatte und es geht um die Ampel, nicht um meine Sehfähigkeit.

Ohne Mütze nur privat?

In diesem Moment rechnete ich mit einer Belehrung oder Zurechtweisung und gegebenenfalls mit einem Ordnungsgeld oder zumindest einer mündlichen Verwarnung. Weil ich damit rechnete, fragte ich mich einen Augenblick später, ob der Beamte denn eigentlich im Dienst ist, denn er trug keine Kopfbedeckung.  Zu meinem großen Erstauen liess er mich, als die Ampel nunmehr grün zeigte, mit der Frage stehen, ob ich das mit einem Auto auch machen würde. Mein „Aber nein“ hatte er wohl gehört, aber den Rest der Erläuterung konnte ich mir schenken, denn er ging stur weiter.

12 Antworten zu “Die Ampel, der Polizist und meine Augen

  1. Interessant. Hab was ähnliches erlebt. Ich gehe normal über einen Zebrastreifen (wie heissen die eigentlich in Amtdeutsch? Personen-Vorfahrtsberechtigende-Fahrbahn-Markierung?), auf der anderen Seite stand ein Polizist rum. Die letzten 1,5m wich ich halb vom Zebrastreifen ab und ging in die Richtung, in die ich musste und die eben wie immer senkrecht zum Zebrastreifen ist.
    Der Polizist konnte offenbar nicht umhin, seinem antrainierten, inneren Belehrungszwang zu folgen und mich blöd anzumachen. Anders kann man es in dem Fall nicht nennen, in dem weder Autos in Sichtweite waren noch sonst auch nur entfernt irgendwelche Gefahren erkennbar waren.
    „Da ist der Zebrastreifen aber gar nicht.“

    Ich blieb stehen, drehte mich zu ihm um, gucke ihn lange, lange an, lächelte dann, nickte und ging weiter. Ich denke, er wusste, was ich damit sagen wollte.

  2. Heißt das, in einem Auto würdest du dein „Urteilsvermögen … für das einer Maschine eintauschen“?

    Warum würdest du in einem Auto anders handeln? Mir geht es zwar auch so, aber ich weiß nicht, warum. Warum fahren wir nicht auch bei Rot, wenn wir allein auf der Straße sind? Warum verlassen wir uns gerade dann auf unser Urteilsvermögen, wenn wir am verletzlichsten sind. Und nicht auch, wenn wir von Blech und Sicherheitssystemen umgeben sind?

    • Ja. Erstens wird es hart bestraft. Zweitens ist die Gefahrenlage eine andere. Mit nem Auto kann ich mehr anrichten als zu Fuß.
      Das ich selber zu Schaden kommen könnte, daran hab ich gar nicht gedacht.

      Also auch bei freier Sicht kann ein Blitzer vorhanden sein, das ist es mir dann nicht wert.

  3. @Donch: Der Unterscheid ist: Als Autofahrer ist man eher Täter, weil man mehr Schaden anrichten kann. Als Fußgänger dagegen Opfer. Opfer zu sein kann man selber besser verantworten als Täter zu sein.

  4. Gelegentlich gehe ich ja gerne neben dem Fußgängerüberweg, also ausserhalb des markierten Bereiches über die Straße. Da kann dann das Auge des Gesetzes ja eigentlich nix sagen, da dies ja nicht unbedingt verboten ist.

  5. Naja, du stehst ja nicht so auf anthropomorphe Metaphern. :-)

  6. Anthropomorph wäre doch aber eher der Zebrastreifen, oder?

  7. Wenn das Zebra im allgemeinen als Synonym für Sicherheit steht, ja. Aber das ist wahrscheinlich eher „Smokey der Bär“ . So’N Bärenfell auffa Straße würde sich aber bestimmt gut machen. :-)

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