Erklärt mir nicht, wie ich zu lieben habe

Das bemerkenswerte beim FC Sankt Pauli ist nicht der Kult oder das berühmte etwas-anders-sein. Es ist die Mischung der Fans. Wie das eben ist in einer Metropole, die sich aus vielen Quellen speist. Und diese Anhänger haben mal mehr Schnittmenge im Leben und mal weniger im Fussballbezug und mal umgekehrt. Viele der Fans sind aktiv und es sind wohl genau die, die sich ihre Traditionen bewahren möchten. Zumindest nimmt man diese oft wahr. Oft als die, die in dieser modernen Welt im Stadion einen Hort vermuten, wo die Uhren anders, aber bestimmt nicht schnell laufen.

Der Verdacht liegt nahe, dass es diesselben sind, die im alten Stadion in der Gegengerade neben einem standen und Regionalfussball geguckt haben. Mit denen man Bier geteilt hat und sei es auf dem Hemd und der Jacke. Und doch ist da etwas dazwischen geraten.

Obwohl das Stadion zu gut wie allen Spielen der letzte Dekade voll war, erscheint nun mehr als sonst ein Fantyp, der verdächtig ist. Er ist verdächtig, keinen Stammbaum zu haben. Verdächtig, die alten Lieder nicht zu kennen. Er benimmt sich nicht uniform und manchmal ist auch sein Telefon zu neu. Er ist hier nicht hineingeboren, er hat diese Heimat gewählt.

Der ist nicht wie wir.

Was mich an meinen ersten Besuchen am Millerntor begeistert hat, war neben Anfeuerung und Spiel auch die Entspanntheit und die Unaufgeregtheit, wenn nicht gerade der beschränkte Mob des Gegners Randale machte. Diese Toleranz und das Leben und Lebenlassen, diese Selbstverständlichkeit eines individuellen Lebensstils, erschien mir immer auch Ausdruck des weltoffenen und bodenständigen Viertels zu sein.

Vielleicht war das Sozialromantik. Möglicherweise war es der Wunsch, der die Vereinsbrille, durch die jeder Anhänger blickt, wenn es um seinen Verein geht, rosarot gefärbt hat. Denn immer mehr nehme ich einen Anpassungsdruck wahr. Keine fröhliche Werbung durch pures, aufgeklärtes Vorleben, wie es mich einst begeistert hat, eher von oben herab regnend.

Erklärt mir nicht, wie ich zu lieben habe
Eine Teilmenge weiß wie es zu laufen hat und da assimiliert man sich besser. Haltung und Verhalten sind schon vorgedacht, nur akzeptieren muss man noch.

Denn in Notzeiten wie jetzt mit Erstligafussball im neuen Stadion folgt man besser. Da sind zwei Meinungen auch unübersichtlich und es wird ja bereits gedacht, kein Grund sich selbst zu bemühen. Oder wäre das die wahre Volksparkisierung des FC St. Pauli?

3 Antworten zu “Erklärt mir nicht, wie ich zu lieben habe

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  2. DEN Fan gibt es genausowenig wie es eine immergleiche Mischung an Fans gibt. Ein jeder Mensch verändert sich fortlaufend und auch die Fanszene selbst ist einem solchen Wandel stets ausgesetzt. Sich über die „Neueinsteiger“ aufzuregen kenne ich aus diversen Szenen, das ist nichts FCSP-typisches. Durch positives Vorleben zusammen mit der Artikulierung von Kritik kann man aber sicherlich Einfluß nehmen, ohne daß die Art zu leben aufgezwungen wird.

    Warum der Verein sich zu solchen absurden SMS-Anzeigen und anderen Dingen verleiten ließ, ist in diesem Zusammenhang eine ganz andere Sache. Auch die B-Sitzer haben sich durch ihr Geld nicht das Hausrecht erkauft. Letztlich bestimmen wir Fans insgesamt, was im Stadion abgeht. Im Positiven wie im Negativen.